Blut für einen Penny: Sir Francis Varney und die Geburt des modernen Vampirs

Shownotes

Archibald Greymoore war einst Bibliothekar, Schachliebhaber und gelegentlicher Spaziergänger bei Nebel. Heute ist er tot. Aber das hält ihn nicht davon ab, anwesend zu sein. Er bewegt sich lautlos durch die Bibliothek von Puddlewick Hall, zitiert aus Büchern und sieht dabei verdammt gut aus. Er kümmert sich um die Literatur des viktorianischen London und ist ein exzellenter Vorleser. Von den Pickwick Papers bis zu Weihnachtsgrusel, von großen Romanen bis zu Penny Dreadfuls: Der Bibliotheksgeist kennt die Texte – und auch die Schriftsteller und Schriftstellerinnen dahinter.

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00:00:00: Liebe Sterbliche, wenn ich aus der zeitlosen Ferne des Jenseits auf ihrer Existenz hinabblicke berührt mich kaum etwas so sehr wie ihr unaufhörliches Streben der Wirklichkeit für ein paar kostbare Stunden zu entfliehen.

00:00:16: Ich sehe sie nach zermürbenden Arbeitstagen, erdrückt von Verpflichtungen, Routinen und Sorgen, wie Sie sich in fremde Geschichten flüchten um für einen Augenblick das Gewicht des eigenen Lebens zu vergessen.

00:00:30: Sie nennen es Eskapismus, oft fast entschuldigend als sei das Bedürfnis nach Ablenkung eine Schwäche.

00:00:37: Doch von hier oben wo alle irdische Müser längst vergangen ist sage ich ihnen Diese Flucht ist kein Markel sondern eine Überlebensstrategie des menschlichen Geistes.

00:00:50: Tät zu schwer auf den Schultern lastet wird die Fantasie zum einzigen Zufluchtsort.

00:01:00: Glauben sie nicht dass dieses Verlangen neu ist?

00:01:04: Wenn ich meinen Blick durch die Schleier der Geschichte zurückgleiten lasse, etwa einhundert-achtzig Jahre sehe ich dieselbe drängende Sehnsucht in einer weitaus dunkleren Kulisse.

00:01:15: Wir befinden uns in den Achtzehnhundertvierziger Jahren im viktorianischen London.

00:01:21: Die Stadt keucht unter dem Ruß der Fabrikschlote Dichter Schwefelnebel liegt schwer über den Mietzkasernen und Millionen von Menschen verbringen ihre Tage in monotoner erbarmungsloser Schufterei Zwölf, vierzehn Stunden am Tag im Lärm der Webstühle.

00:01:38: Im feuchten Dreck der Werften oder gebückt über Nadel und Faden nur um das nackte Überleben zu sichern.

00:01:45: Der Alltag bot kaum Licht, kaum Raum zum Atmen und keinerlei Trost Doch der Mensch kann nicht nur von Brot und Ruß leben

00:01:54: Er braucht eine dem Elend herausführt

00:01:57: Und sei es nur in den Gedanken.

00:01:59: An den Ecken von Fleet Street und Seven Dials bot sich für eine einzige Kupfermünze ein Ausweg.

00:02:05: Für einen Penny, den Preis für ein Stück Brot, kauften junge Fabrikarbeiter- und Dienstboten billig gedruckte Hefte, deren Papier noch feucht von Druckerschwärze war.

00:02:15: Penny Blutz nannten die einfachen Leute diese wöchentlichen Fortsetzungen, die das Bürgertum später verächtlich als Schundliteratur abtart.

00:02:24: Es war reiner, unverfälschter Eskapismus.

00:02:27: Geschichten die nicht belehren wollten sondern betäuben!

00:02:31: Die das Herz rasen ließen und für acht eng bedruckte Seiten das Grau des Lebens vergessen machten.

00:02:37: Und genau in diesem nass kalten Spätherbs des Jahres eighteenhundertundvierzig betrat eine Gestalt die billigen Seiten dieser Fluchtwelten, die das Bedürfnis nach schauderhafter Ablenkung für immer neu definieren sollte.

00:03:02: Die Vampire.

00:03:26: und die engen Gassen rund um den Salisbury Square.

00:03:29: Dort, wo der Geruch von saurer Tinte- und feuchtem Papier schwer in der Luft hing und die Drucker pressen unaufhörlich den Tag des Viertels schlugen, residierte ein Mann namens Edward Lloyd.

00:03:41: Lloyd war ein Verleger von kühlem geschäftsmännischem Kalkül.

00:03:46: Er hatte begriffen, dass die wachsende Leselos der Arbeiterklasse eine unerschöpfliche Quelle von Penny Münzen bot, wenn man sie nur schnell und rastlos mit immer neuem Nervenkitze fütterte.

00:03:58: Literarische Eleganz bedeutete ihm nichts – was zählte waren Seiten-und Absatz!

00:04:04: Und so beschäftigte er eine Schaar von Autoren, die man kaum anders als Tintensklaven bezeichnen kann….

00:04:11: Unter ihnen ragte vor allem James Malcolm Rimer hervor, flankiert von Kollegen wie Thomas Packett.

00:04:17: Pressed.

00:04:18: Rimer – ein gelernter Bauzeichner von rastloser Fantasie schrieb Zeile für Zeile gegen die drohende Armut und das Gespenst des Schuldengefängnisses an.

00:04:28: Für einen Kargenlohn von kaum mehr als zehn Schillingenprobogen saßen diese Schreiber in zugigen Mansarden bei flackendem Kerzenlicht und mit steif gefrorenen Fingern.

00:04:40: Es gab keinen Raum für Muße, kein Innerhalten fürs stilistische Pfeilen.

00:04:44: Wenn der Drucker am nächsten Morgen nach Nachschub verlangte musste das Manuskript vorliegen.

00:04:49: Koste es was es wolle!

00:04:51: Aus meiner zeitlosen Warte hier oben liegt eine tiefe Melancholie in diesem Bild.

00:04:57: Diese getriebenen Männer erfanden Geschichten über finstere Kreaturen die den Menschen die Lebenskraft raupten während der Verleger und die lesende Masse genau dasselbe mit ihnen taten.

00:05:09: sie saugt ihnen jede wachleistige Kraft aus den Adern, unersättlichen Markt zu füttern.

00:05:17: Für das einfache Volk war es eine willkommene Zuflucht vor der Härte des Alltags.

00:05:22: Für die Autoren selbst war es nichts als der verzweifelte Kampf um das Brot des nächsten Tages Und aus dieser fiberhaften Notwendigkeit heraus entstand ein monumentales Werk Das Woche für Woche weiterwuchs bis es die Ausmaße eines regelrechten literarischen Umgeheuers annahm.

00:05:39: Wenn Sie heute an einen Vampir denken Sehen Sie vielleicht einen eleganten Verführer im seidenen Abendanzug vor sich, ein Wesen voller düsterer Erotik und melancholischem Glanz.

00:05:52: Doch als die Druckerpressen im Herbst des Jahres eighteenhundertfünfundvierzig jene ersten Hefte auf die Straßen warfen, bot sich den Menschen ein Bild von weitaus roherer greifbarerer Grausamkeit!

00:06:04: Lassen Sie uns gemeinsam durch das Gewölk der Vergangenheit hinabsteigen in jenes Zimmer, indem dieser Mythos seine bis heute prägende Gestalt

00:06:13: annahm.

00:06:30: Die Glocken der alten Kathedrale hatten gerade mit schweren Schlägen Mitternacht verkündet während die Luft dick und bleiern über der Stadt hing.

00:06:48: Eine unheimliche fast grabähnliche Stille legte sich über alles Lebendige – die trügerische Ruhe vor einem gewaltigen Naturschauspiel.

00:06:58: Dann rollte aus der Ferne ein erster schwacher Donner herauf.

00:07:02: Wie einen Startschuss für eine Schlacht der Winde rüttelte er die Atmosphäre aus ihrer Litagi, Ein verheerender Hurrikan fegte mit solcher Gewalt über die Stadt hinweg das er in den wenigen Minuten seines Wütens mehr Zerstörung anrichtete als gewöhnliche Unwetter im halben Jahrhundert.

00:07:19: Es wirkte als hätte ein Riese auf eine Spielzeugstadt gepustet und die Gebäude mit seinem glühenden Atem hinweggefegt.

00:07:26: Doch so plötzlich, wie der Sturm gekommen war legte er sich.

00:07:31: Und alles versank erneut in jener tiefen reglosen Stille.

00:07:35: Die Menschen die aus dem Schlaf gerissen worden waren hielten das Getöse zunächst für einen Albtraum und versuchten wieder einzuschlafen.

00:07:43: doch die Ruhe war nicht von Dauer.

00:07:46: Ein seltsames prasselndes Geräusch setzte ein Das Klang als würden Millionen winziger Wesen über die Dächer hassten.

00:07:54: Es war Hagel Der nun mit voller Wucht über der Stadt niederging.

00:07:57: Das Eis riss Blätter und Zweige von den Bäumen, und zertrümmerte die Fensterscheiben derjenigen Häuser, die dem Sturm am schutzlosesten ausgeliefert waren.

00:08:07: Der ohrenbetäubende Lärm des niedergehenden Eises übertönte jeden Schrei des Entsetzens und der Fassungslosigkeit, der hier und da aus den beschädigten Wohnungen drang.

00:08:18: Immer wieder peitschten seitliche Böhnen durch die Straßen packten die Hagelkörner mitten in der Luft und hielten sie für einen Moment in der Schwebe, nur um sie dann mit verdoppelter Kraft in eine neue Richtung zu schleudern – und noch mehr Unheil anzurichten.

00:08:33: Es war eine wahrlich furchtbare Nacht, in der Wind-, Regen- und Hagel in einer zerstörerischen Raserei eins wurden.

00:08:40: Im uralten Herrenhaus der Familie Bannerworth verbarg sich eine Kammer, die wie aus der Zeit gefallen wirkte.

00:08:46: Seltsame, beinahe skurrile Schnitzereien zierten die Wände und der monumentale Kamin war ein Kunstwerk für sich das alle Blicke aufsicht zog.

00:08:56: Durch das große bleiferglasste Westfenster fiel ein schönes Licht wann immer die Sonne oder der Mond die bunten Scheiben berührten.

00:09:04: An den ansonsten leeren getefelten Wänden hing nur ein einziges Porträt Das Bildnis eines blassen jungen Mannes mit einem Blick dem niemand ein zweites Mal begegnen wollte.

00:09:15: Inmitten dieser Szenerie stand ein wuchtiges Bett aus Nussbaumholz, ein Meisterwerk aus der elisabetanischen Ära.

00:09:23: Auf diesem prachtvollen Lager ruhte eine junge Frau Flora Bannerworth.

00:09:29: Ihre Schönheit hatte etwas von einem Frühlingsmorgen.

00:09:32: Ihr langes Haar hatte sich gelöst und floss über die Decken.

00:09:36: Die zerwühlte Bettwäsche verriet ihre Rastlosigkeit.

00:09:40: Ein Arm lag über dem Kopf Der andere hing schlaff über die Bettkante und ließ hals-und brustfrei, Linien, die einem Bildhauer als Vorlage gedient hätten.

00:09:50: Ihre Lippen standen leicht offen – perlweise Zähne schimmerten im schwachen Licht.

00:09:55: Als sie sich bewegte zeigte sich eine Schulter weißer und markelloser als das reine Laken unter ihr.

00:10:04: Das Tosen der Elemente drang in ihr Unterbewusstsein vor konnte ihren tiefen Erschöpfungsschlaf jedoch zunächst nicht ganz brechen.

00:10:12: Doch dann zerriss ein gleißender Blitz die Dunkelheit, gefolgt von einem Donnerhall der so gewaltig war als würden ganze Gebirgszüge im Himmel gegeneinander krachen.

00:10:24: In diesem Moment gab es in der ganzen Stadt keine Seele mehr, die noch schlief.

00:10:30: Die junge Frau schreckte hoch, die blauen Augen weit vor Entsetzen geweitet.

00:10:35: Ein weiterer, bläulicher Blitz erhältte das Zimmer und brachte die Farben des Fensters für einen Moment zum Leuchten.

00:10:42: Und da sah sie es!

00:10:44: Eine hagere, skelettartige Gestalt stand draußen auf dem Simms und versuchte das Fenster zu entriegeln.

00:10:50: Flora zitterte am ganzen Körper, presste die Hände auf die Augen und betete für jene, die ihr am nächsten standen während sie sich verzweifelt fragte ob dies ein schrecklicher Traum oder die nackte Realität sei.

00:11:02: Das Kratzen langer Fingernägel auf dem Glas klang wie ein unheimliches Echo des Hagels.

00:11:10: Als ein Blitz eine nahegelegene Mühle in Brand setzte, tauchte das rote Licht des Feuers die Szenerie in einen höllischen Schein.

00:11:18: Das Kranzen verwandelte sich in einem Flurren als eine kleine Glasscheibe zerbrach.

00:11:23: Eine Hand griff hindurch und schob den Riegel des Fensters zurück.

00:11:28: Langsam fast geräuschlos schwangen die hohen Flügelfenster nach innen auf.

00:11:33: Ein kalter Windstoß und Regendrangen in das warme Zimmer ließen die Vorhänge wehen, und die Flammen im Kamin wild flackern.

00:11:41: Obwohl sie vor Entsetzen fast gelähmt war, stieß Flora immer wieder ein Krächzen des Flehen nach Hilfe aus während das Wesen sich dem Bett näherte.

00:11:51: Das Licht des Feuers fiel nun direkt auf das Gesicht des Eindringlings.

00:11:55: Es war vollkommen blutleer.

00:11:57: Die Augen glänzten wie poliertes Zinn Und hinter den zurückgezogenen Lippen blitzten lange.

00:12:05: mit einer gleitenden, fast schlangenartigen Bewegung kam die Gestalt näher wobei ihre langen Nägel klappern gegeneinander schlugen.

00:12:14: Die junge Frau versuchte sich zu anderen Seite des Bettes zu retten doch der starre Blick dieser metallischen Augen hielt sie fest wie der Bann einer Schlange.

00:12:23: Die Stille nach dem Sturm wurde nur noch vom Schlagen der Turmuhr zur ersten Morgenstunde unterbrochen, als das Unwesen ein zischendes Geräusch von sich gab und seine knöchernden Hände ausstreckte.

00:12:34: Dann ohne Vorwarnung stürzte sich die Gestalt auf Flora.

00:12:38: Der Vampir packte sich ein paar Haarsträhnen und riss sein Opfer damit zurück aufs Bett.

00:12:44: In diesem Moment gab der Himmel Flora die Stimme zurück.

00:12:47: Ein Schrei Jagte den Nächsten, während sie an den Haaren wieder ganz auf die Matratze gezerrt wurde.

00:12:53: Schmerz zuckte durch ihren Körper.

00:12:56: Aus dem glasigen Augen der Gestalt glitt ein abscheulicher zufriedener Blick über die engelsgleiche Gestalt unter ihr.

00:13:04: Die Kreatur schlug mit einem einzigen Stoß die fangartige Zähne in Ihren Hals.

00:13:09: Ein Schwallblut – ein widerwertiges Sauggeräusch.

00:13:12: Dann Ohnmacht.

00:13:15: Floras Schreie war nicht ungehört geblieben.

00:13:18: In den Zimmern im Herrenhaus gingen Lichter an.

00:13:20: Türen wurden aufgerissen, Harry halb angezogen stolperte ins Zimmer seines Bruders.

00:13:25: George Der war bereits angekleidet.

00:13:28: beide hatten denselben Schrei gehört.

00:13:30: Beide wussten dass das kein Traum gewesen sein konnte.

00:13:34: Im Flur war es wieder still aber diese Stille fühlte sich falsch an als würde das Haus den Atem anhalten.

00:13:41: Ihre Mutter tauchte auf Blass mit weit aufgerissenen Augen.

00:13:45: Sie drängte die beiden, das Haus sofort zu durchsuchen.

00:13:48: Noch während sie orientierungslos im Korridor standen, kam Mr.

00:13:52: Marstell dazu.

00:13:54: Er brachte Henry dazu, die Mutter zu stützen, die in sich zusammengesagt war.

00:13:59: Dann rannte er in sein Zimmer und kam mit zwei Pistolen zurück.

00:14:03: Vor Floras Tür stoppten sie.

00:14:05: Die schwere Eichentür war von innen verriegelt.

00:14:08: Sie riefen, warteten, hörten nichts – keine Antwort!

00:14:13: Stattdessen drang ein unheimliches Geräusch aus dem Inneren, dass Henry das Blut in den Adern gefrieren ließ.

00:14:19: Ein schmatzendes saugendes Geräusche als würde ein Tier fressen.

00:14:24: Ohne zu zögern holte Henry ein schweres Brecheisen und unter größter Anstrengung stämten sie die Tür auf bis das Schloss mit einem knacken Nachgab.

00:14:33: Kaum schwangt die Türauf brach das Chaos los.

00:14:36: Henry stürmte mit einer Kerze voran, doch ein plötzlicher Windstoß vom offenstehenden Fenster drückte die Flamme zur Seite so dass der Raum nur schemenhaft erleuchtet wurde.

00:14:47: Etwas gigantisches Schoss mit einer solchen Wucht vom Bett herab auf ihn zu das Henry zu Boden geworfen wurde und sein Licht endgültig erloscht.

00:14:55: In der unheimlichen Dämmerung sahen sie eine riesenhafte Gestalt, die fast bis zur Decke reichte und auf das Fenster zustürmete.

00:15:02: Im fahlen Licht des Feuers erhaschten sie einen Blick auf das Profil des

00:15:06: Wesens.

00:15:07: Die Lippen waren blutverschmiert.

00:15:10: Marchdale, der am schnellsten reagierte, feuerte seine schwere Dienstpistole

00:15:14: ab.

00:15:15: Das Gesicht des Eindringlings war nun ekelhaft gerötet als pulsierte frisches Blut unter der Haut und die Fangzähne blägten hinter den zurückgezogenen Lippem hervor.

00:15:25: Mit einem wahnsinnigen schreienden Lachen stürzte sich die Gestalt durch das Fenster auf den Balkon und verschwand in der Dunkelheit des Gartens.

00:15:34: Trotz der Warnungen der Mutter nahmen Marchdale, Henry und George die Verfolgung auf.

00:15:39: Im Garten, der in ein gespenstisches Licht getaucht war, sahen sie das Wesen in Richtung der hohen Gartenmauer Flien.

00:15:46: Marchdale berichtete außer Atem dass er die Gestaltung kurz gepackt habe und sie sich kalt und klamm wie eine Leiche angefühlt.

00:15:54: An der fast vier Meter hohen Mauer sahen sie das Ungeheuer, dass in fast schon verzweifelten Sätzen versuchte, das Hindernis zu überwinden – wobei es jedes Mal mit einem dumpfen Aufprall zurückfiel.

00:16:07: Es wirkte nicht mehr menschlich.

00:16:08: wie ist da in der Finsternis gegen die Steine sprang.

00:16:12: Schließlich gelang es dem Wesen, die Mauerkante zu fassen.

00:16:15: Henry, der nun die zweite Pistole in der Hand hatte, zielte ruhig und fest auf die hagere Silhouettee, die sich an der Mauer emporzog.

00:16:24: Ein ohrengetäubender Knall peitschte durch den Garten, gefolgt von einem heulenden Schrei.

00:16:29: Die Gestalt stürzte Kopf über von der Mauer und verschwand auf der anderen Seite in der Nacht während Henry Triumphieren trief dass er das Monster getroffen habe.

00:16:39: Gemeinsam mit Marge Dale und George eilte er zur Außenseite der Gartenmauer.

00:16:44: doch so gründlich sie auch suchten Sie fanden keine Spur weder eine Leiche noch Blutstropfen im dichten Heidekraut.

00:16:53: Wie konnte eine Gestalt, die sie alle gesehen hatten, spurlos verschwinden?

00:16:59: Zurück im Haus schien Marjdale von einer düsteren Erkenntnis getroffen zu sein, die er jedoch noch nicht in Worte fassen wollte.

00:17:06: Er sank in einen Stuhl als George ihn auf das einzige Porträt in Floras Zimmer aufmerksam machte.

00:17:13: Die Ähnlichkeit war erschreckend – jener Sir Ronegate Bannerworth ein lasterhafter Vorfahre der Familie, der vor neunzig Jahren gelebt hatte blickte sie mit genau jenen Augen und jenem unheimlich geformten Mund an, die Sie kurz zuvor bei dem nächtlichen Besucher gesehen hatten.

00:17:32: Marchdale vertagte die weitere Besprechung auf den nächsten Morgen während Henry das Heilige Versprechen gab nicht von Floras Seite zu weichen.

00:17:41: Er lud seine Pistolen neu und bereitete sich auf eine lange Wache vor, während der Rest des Hauses sehnsüchtig auf das erste Licht des Tages wartete.

00:18:24: und mit ihm das Fest des Blutes, wie der Untertitel der Serie so reißerisch verkündete.

00:18:30: Was als schlichter Schauer-Roman begann, wuchs sich in den folgenden zwei Jahren zu einem literarischen Monstrum aus – über zweihundertzwanzig wöchentliche Kapitel gedruckt in zwei eng gesetzten Spalten die sich auf mehr als sechshunderttausend Wörter anhäuften.

00:18:47: Um die Leser jede Woche aufs Neue bei der Stange zu halten erfand Rhymer immer abstrusere Wendungen.

00:18:54: Varney wurde erschossen, ertränkt, gepfält und von erboßenen Mops verfolgt.

00:19:00: Nur um durch das geheimnisvolle Licht des Vollmoons stets aufs Neue ins Leben zurückgerufen zu werden!

00:19:06: Wenn ich aus meiner überirdischen Warte auf jene Zeit zurückblicke, erkenne ich dass der Erfolg dieser Geschichte weit über billigen Nervenkitzel hinausging.

00:19:16: In Varney spiegelten sich die realen Traumataer der viktorianischen Epoche wieder.

00:19:21: Die Furcht vor dem Vampir, der seiner Beute die Lebenskraft entzieht war eine greifbare Metapher für die Schwindsucht und die Kohlerer.

00:19:29: Jene erbarmungslosen Krankheiten, die damals ganze Familien dahin rafften und die Körper der Kranken zu fahlen Schatten aushölten.

00:19:39: Ebenso spiegelte sich darin die Angst des Bürgertums vor dem Eindringen des Fremden in die heilig geachtete Häuslichkeit Gepaart mit dem Misstrauen der einfachen Arbeiter gegen den Adel, der das Volk seit Generationen im übertragenen Sinne aussaugte.

00:19:55: Sir Francis Varni war der Fleisch gewordene Albtraum einer Epoche im Umbruch – ein Spiegel der Verletzlichkeit der Sterblichen.

00:20:09: Nichts amüsiert und betrübt einen Geist wie mich so sehr wie die moralische Entrüstung der Lebenden!

00:20:16: Kaum hatte sich Sir Francis Varni seinen blutigen Weg durch die Straßen Londons gebahnt, erhob sich ein gewaltiger Sturm des bürgerlichen Anstands.

00:20:25: Priester wetterten von den Kanzeln, bürgernische Zeitungen schlugen Alarm und besorgte Sittenwächter sahen den Untergang der gesamten Jugend heraufziehen.

00:20:36: Man brandmarkte die Pennybluts als geistiges Gift – als direkte Einladung zu Verrohung und Kriminalität!

00:20:43: Es ist ein Muster, das sich in all den Jahrzehnten von hier oben immer wieder beobachten durfte.

00:20:49: Wann immer die einfachen Menschen einen Ventil finden um für ein paar Kupferstücke der Trostlosigkeit ihres Alltags zu entfliehen erklärt die Obrigkeit dieses Vergnügen zur Sünde!

00:21:00: Doch während draußen die moralische Panik tobte vollzog sich zwischen den schmierigen Druckseiten etwas Bemerkenswert Menschliches Der gnadenlose Termindruck der wöchentlichen Fortsetzungen forderte seinen Tribut.

00:21:14: Die Handlung meandrierte wild vor sich hin, widersprach sich stellenweise heillos und Varney's eigene Herkunft wurde mehrfach umgeschrieben – je nachdem was James Malcolm Reimer in jener Nacht gerade in die Federfloss.

00:21:28: Doch mitten in diesem literarischen Wildwuchs geschah etwas Unerwartetes.

00:21:32: Varney blieb nicht die bloße seelenlose Bestie der ersten Kapitel.

00:21:37: Der Vampir begann zu zweifeln, zu reflektieren und zutiefst unter seiner eigenen Natur zu leiden.

00:21:44: Er half Menschen in Not, haderte mit dem blutigen Zwang der Intrieb und wandelte sich zu einer tragischen Figur die ihrer eigenen Verdammnis nicht entkommen konnte – und darin liegt die eigentliche Poesie dieses oft geschmähten Werkes!

00:21:59: Nach zwei Jahren rastloser Flucht, nach unzähligen Scheintoden, Duellen und Wiederauferstehungen war dieser Untote seiner unnatürlichen Existenz schlicht überdrüssig.

00:22:10: Das Finale das man ihm im Sommer eighteenhundertsiebenundvierzig schenkte besitzt eine fast erhabene Tragik.

00:22:17: Gehetzt und des ewigen Daseins müde reist Sir Francis Varni nach Italien.

00:22:23: Am Rande des brodlenden Kraters vertraut er einem Priester seine schwere Beichte an, erklärt seinen unendlichen Ekel vor dem eigenen Ich und stürzt sich entschlossen in das flüssige Magma.

00:22:37: Er wählte den Feuertod damit nicht der kleinste Rest seines Körpers übrig bliebe, den das kalte Mondlicht je wieder zu unheiligem Leben erwecken könnte.

00:22:47: Glauben Sie mir aus der kühlen Perspektive der Ewigkeit betrachtet gibt es kaum eine größere Bürde als eine Unsterblichkeit, die man nicht mehr tragen will.

00:23:05: Liebe Sterbliche!

00:23:06: Wenn Sie heute in das Dunkel eines Kinosaals blicken einen Bildschirm einschalten oder einen Roman über melancholische Schattenwesen aufschlagen dann begegnen sie keineswegs uralter osteuropäischer Volklore.

00:23:20: Sie begegnern dem unauslöschlichen Erbe jener verstaubten billigen Druckbögen aus der Fleet Street.

00:23:27: Auch wenn der Name Sir Francis Warny im Strom der vergehenen Zeit fast vergessen scheint und das brüchige Papier der Pennyhefte längst zu Asche zerfallen ist, hat die Gestalt dieses ersten literarischen Blutsaugers die Epochen überdauert.

00:23:41: Fast ein halbes Jahrhundert nach Warnys feurigem Sprung in den Krater des Vesuvs setzte sich der irische Theatermanager Bram Stoker an seinen Schreibtisch um seinen Grafen Dracula zu erschaffen.

00:23:54: Die Welt spricht heute voller Ehrfurcht von diesem berühmten Roman als dem Ursprung des modernen Mythos.

00:24:01: Doch wer wie ich das Geschehen aus der zeitlosen Höhe überblickt, sieht hinter dem aristokratischen Mantel des Grafen den langen hageren Schatten von Sir Francis.

00:24:11: Es war Vani – Der erstmals mit unheimlicher Behändlichkeit an Mauernempor stieg der das unverkennbare Bild, der zwei tiefen Bisspuren am Hals einer schlafenden Frau prägte und dessen hypnotischer Blick den Willen seiner Opfer brach.

00:24:26: Vor ihm waren die Vampire der mündlichen Überlieferung plumpe aufgedunsene Wiedergänger im Leichentuch.

00:24:33: Erst das viktorianische Groschenheft formte aus ihnen jene zerrissenen zwischen Fluch- und Begehren gefangenen Aristokraten, die ihre Erzählungen bis in die Gegenwart beherrschen Von den schwermütigen Geschöpfen der modernen Fantastik über die schillernden Figuren jugendlicher Pop-Mythen bis hin zu jeder Fernsehserie, die sie zur nächtlichen Zerstreuung abrufen.

00:24:55: Sie alle schöpfen unbewusst aus dem Brunnen, den James Markham Rhymer und seine Leidensgenossen unter unbarmherzigem Zeitdruck aushoben.

00:25:03: Es liegt eine erhabene Poesiederin wie sich das Schicksal vollendet hat.

00:25:09: Ein Werk, das von den Sittenwächtern seiner Zeit als Schund verdammt und für den schnellen billigen Konsum der Fabrikarbeiter gedacht war, erwies sich als langlebiger als die meisten hochgelobten Salonschriften jener Ära.

00:25:22: Das Papier ist vergangen – Die Schreiber ruhen längst in kühler Erde.

00:25:27: Doch ihre Fantasie hat die Grenzen der Vergänglichkeit überwunden Und wenn Sie das nächste Mal im Schein Ihrer Lampen nach einer dunklen Geschichte greifen, um für ein paar Stunden die Last Ihres eigenen Daseins abzustreifen, denken sie vielleicht an jene stürmische Nacht im Jahre eighteenhundertfünfundvierzig zurück in der ein einsames Fenster aufgestoßen wurde und die Gestalt des modernen Vampirs ihren unsterblichen Zug durch die Welt begann.

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