Der große Londoner Bart-Boom: Als die ganze Stadt das Rasiermesser verbannte!
Shownotes
Die Ahnengalerie in der Eingangshalle von Puddlewick Hall verrät, dass Lady Mildred Puddlewick aus gutem Hause stammt. Über ihre Vergangenheit spricht sie selten – und wenn, dann so ausweichend elegant, dass man hinterher mehr Fragen als Antworten hat. Lady Mildred ist stets tadellos gekleidet, angenehm geheimnisvoll und sammelt Geschichten aus dem viktorianischen London.
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00:00:07: Nehmen Sie doch Platz und greifen sie ungeniert zu, meine Lieben.
00:00:32: Die Kanne ist frisch aufgebrüht und der Tee zieht gerade zu jener Herben Vollkommenheit heran die man braucht um die Schrullen der Menschheit zu ertragen.
00:00:43: Wenn man heutzutage durch die Straßen flaniert, kommt man ja kaum an einem dieser zahllosen Etablissements vorbei.
00:00:50: Die sich Bedeutungsschwanger Barbershop nennen!
00:00:53: Folgestellt mit schwerem Leder, blankem Messing und unzähligen Tiegeln voller Zedern-und Bartöl investieren moderne Herren beträchtliche Summen.
00:01:03: Und erstaunlich viel Lebenszeit um ihr Kinn in das Dickicht eines alttestamentlichen Patriarchen oder eines heroischen Holzfellers zu verwandeln.
00:01:14: Man könnte fast meinen die Männlichkeit sei erst gestern wieder entdeckt worden Feierlich verankert im Follikelwuchs der unteren Gesichtshälfte.
00:01:23: Doch dieser Drang aus ein paar Handbreitbehaarung, eine ganze Weltanschauung zu zimmern ist bei weitem keine Erfindung unserer Tage.
00:01:32: Reisen wir gut anderthalb Jahrhunderte zurück.
00:01:35: In das London der Achtzehnhundert dreißiger und vierziger Jahre, so hätte man einen Mann mit einem ausgewachsenen Bart wohl entweder für einen radikalen Agitator vom Kontinent, einen brotlosen Künstler oder für jemandem Gehalten, der die Kontrolle über seine Sinne gänzlich verloren hat.
00:01:55: Damals galt das markellos glattrasierte, wachsbleiche Gesicht als das unumstößliche Siegel wahrer Zivilisation.
00:02:03: Eine glatte Wange signalisierte moral, disziplin, christliche Reinheit und die triumphale Unterwerfung der tierischen Natur unter den menschlichen Willen.
00:02:14: Wer etwas auf sich hielt vom ehemaligen Bankier in der City bis zum jungen Prinzgemal Albert, trat der Welt mit vollkommen nacktem Kinn gegenüber!
00:02:24: Bärte waren verdächtig, rochen nach französischer Revolution, Aufruhr oder vagabondierender Unordnung.
00:02:32: Man muss sich die morgendliche Pein jener Epoche vor Augen führen... Das Wasser war in den meisten Londoner Stadthäusern bestenfalls lauwarm.
00:02:41: Die Seifen waren grob und rochen nach Rindertalk, die Rasierklingen aus Sheffield gelichen eher feinen Scharpwerkzeugen als Instrumenten der Sanftmut.
00:02:51: Schnitte, Entzündungen und tägliches Blutvergießen gehörten gewissermaßen zum guten Ton einer disziplinierten Existenz.
00:02:59: Doch der Mensch neigt bekanntlich dazu seine eigenen Dokumen zu hinterfragen sobald die Qualen die Geduld übersteigen.
00:03:06: In den frühen eighteenhundertfünfziger Jahren regten sich in den vornehmen Clubs an der Paul Mall die ersten philosophischen Zweifel.
00:03:14: War es wirklich ein Zeichen höherer Zivilisation, jeden Morgen die eigene Haut zu traktieren nur um das Gesicht eines unfertigen Knaben zur Schau zu stellen?
00:03:25: Warum schuf die Natur das Haar wenn die Pflicht des Gentlemans angeblich darin bestand es mit stoischer Härte auszurotten?
00:03:34: Noch wagte kaum jemand, die Klinge ganz sinken zu lassen.
00:03:38: Doch die Kotletten schlichen sich bereits verdächtig tief in Richtung Kieferknochen!
00:03:43: Die Herrenwelt wartete insgeheim nur auf einen Vorwand, die Rasur aufzugeben und dieser Vorwand sollte schon bald von einem fernen eisigen Kriegsschauplatz herüberwähnen... Nehmen Sie sich ruhig noch ein zweites Gurken Sandwich, meine Lieben.
00:04:05: Denn die Geschichte wie der Bart seinen Weg zurück in die Londoner Sanance fand schmeckt nach Schießpulver, Frostbäulen und einer gehörigen Portion imperialer Heuchelei!
00:04:17: Wir schreiben das Jahr eighteenhundertdreiundfünfzig als Großbritannien gemeinsam mit Frankreich in den Krimkrieg zog.
00:04:25: Tausende junge Männer aus Vornehmen wie aus einfachen Häusern wurden an das Schwarze Meer verschifft, um dem russischen Zaren die Stirn zu bieten.
00:04:35: Nun war die britische Armee zu jener Zeit eine Institution von geradezu manischer Pädanterie.
00:04:41: Die Dienstvorschriften verlanden selbstverständlich ein glatt rasiertes Gesicht.
00:04:46: Lediglich bestimmte Kavallerieinheiten war ein Schnurbad gestattet, während das Kinn stets der schneidenden Klinge unterworfen bleiben musste.
00:04:55: Doch die Natur kümmert sich bekanntlich herzlich wenig um die Erlasse des Kriegsministeriums.
00:05:01: Vor den Toren von Sebastian Topol brach ein Winter herein, der jede zivilisatorische Eitelkeit im Morast erstickte.
00:05:11: Die Versorgung brach katastrophal zusammen und das Rasierwasser in den Zinnbechern froh zu festem Eis, noch ehe man die Seife anrühren konnte.
00:05:20: Sich bei eisigen Temperaturen mit stumpfem Stahl die halb erfrorene Haut vom Kiefer zuschaben, erwies sich selbst für die linientreuesten Offiziere als eine Torheit, die unweigerlich zur Erfrierungen und Infektionen führte.
00:05:33: Aus purer Verzweiflung sah sich das Oberkommando gezwungen, dass Rasiergebot stillschweigend auszusetzen.
00:05:40: Man ließ wachsen, was wachsen wollte – schlicht um die Gesichter vor dem schneidenden Wind zu schützen.
00:05:45: Als die Feindseligkeiten schließlich endeten und die Regimenta im Sommer, eighteenhundertsechsundfünfzig nach England zurückkehrten, erlebte London ein Schauspiel das die gesellschaftlichen Konventionen im Markt erschütterte.
00:05:59: Bei den Siegesparaden marschierten keine glatten knabenhaften Wachsfiguren durch die Straßen, sondern wettergegerbte kriegserprobte Männer mit dichten Sonnenverbrannten Vollberten, die ihnen bis auf die Uniformjacken herabhängen.
00:06:15: Die Londoner Gesellschaft, die noch wenige Jahre zuvor bei jedem Folikelwuchs die Nase gerümpft hatte, verfiel in hemmungslose Begeisterung!
00:06:24: Die Königin selbst zeichnete diese bärtigen Gestalten mit Orden aus.
00:06:28: Die Zeitungen überboten sich in Huldigungen an den eisernen Mut der Truppen und über Nacht vollzog sich jene wunderbare Verwandlung, zu der nur der gesellschaftliche Herdentrieb fähig ist.
00:06:41: Der Bart war mit einem Schlag kein Zeichen von Verwarlosung mehr sondern die sichtbare Trophäe des unerschütterlichen Helden.
00:06:50: Was der Soldat im Schützengraben getragen hatte, wollte der junge Anwalt in Westminster und der Börsenmarkler in der City nun schleunigst auf den eigenen Wangen sprießen sehen.
00:07:08: Gießen Sie sich ruhig noch etwas heißen Tee nach meine Lieben!
00:07:12: Denn was nun folgt ist ein Paradebeispiel für die unerschöpfliche Begabung unserer Spezies – einer simplen Eitelkeit dem erhabenen Mantel der Wissenschaft umzuhängen.
00:07:23: Ab Mitte der eighteenhundertfünfziger Jahre wandelte sich der Bart von einer militärischen Trophäe zur medizinischen Notwendigkeit.
00:07:32: London versank in jenen Dekaden regelrecht im Ruß der Industrialisierung, die berüchtigten gelbgrünen Nebel getränkt mit Schwefel- und Steinkohlestaub krochen durch jede Ritze und legten sich wie feuchtes Blei auf die Lungen der Städter.
00:07:48: Angesehene Mediziner, allen voran Männer wie Dr.
00:07:51: Mercer Adams und namhafte Fachblätter wie The Lancet verkündeten feierlich dass die Schöpfung den Mann keineswegs grundlos mit Harwuchs im Gesicht gesegnet habe.
00:08:03: Der Bart sei nichts Geringeres als ein von göttlicher Vorsehungen konstruirter Luftfilter Ein natürlicher Respirator, der Staub, Rauch und schädliche Miasmenabfange noch ehe sie in die empfindlichen Bräunchen gelangen konnten.
00:08:18: Plötzlich galt die morgendliche Rasur nicht mehr bloß als lästig sondern als geradezu suizidale Torheit!
00:08:25: Wer sich die Wangen blank schabte, so dozierten die Ärzte mit ernster Miene.
00:08:30: Beraube seinen Körper seines natürlichen Schutzschildes und lade Heiserkeit, Bronchitis, Zahnschmerzen und gefürchtete Schwindsucht förmlich zu sich ein.
00:08:41: Eisenbahnarbeiter, Kutscher- und Straßenkehrer wurden von ihren Dienstherren ausdrücklich ermutigt, sich volle Bärte stehenzulassen um den Ruß der Dampfrösser aus ihren Lungen fernzuhalten.
00:08:53: Doch die Begeisterung machte vor den Kanzleien und Bankpalästen nicht halt.
00:08:58: Es war ein herrlicher Anblick, wie wohlhabende Herren die Zeitlebens kaum einen Fuß in eine Fabrik gesetzt hatten, plötzlich mit imposanten Rauscheberten durch Mayfair schritten – und dabei voller Überzeugung behaupteten, dies ausschließlich zum Wohle ihrer empfindlichen Atemwege zu tun!
00:09:17: Aus der Bequemlichkeit war eine gesundheitliche Bürgerpflicht geworden und ganz London atmete erleichtert durch ein dichtes Geflecht aus stolzer Gesichtsbehaarung.
00:09:34: Greifen Sie ruhig zu dem Gebäck, meine Lieben!
00:09:36: Und betrachten sie einmal mit mir die schiere Pracht und die skurrilen Blüten, die diese Bewegungen in den Sebziger- und Achtzigerjahren des Jahrhundertstriebes.
00:09:46: Nachdem die Doktoren ihren Segen erteilt hatten gab es kein Halten mehr.
00:09:51: Das Gesicht des britischen Mannes wandelte sich endgültig von einer simplen biologischen Gegebenheit zu einer monumentalen Baustelle, einer architektonischen Manifestation der Empire.
00:10:04: Ein glattes Kinn galt nun geradezu als verdächtig oder gar als Abzeichen des niederen Standes.
00:10:11: Bedienstete, Lakaien und Stallmeister wurden mancherorts noch gezielt zur Glattrasur verdonnert um ihre gesellschaftliche Unterordnung und dienende Rolle zu demonstrieren.
00:10:22: Der ehrbare Herr von Welt hingegen der in Westminster Gesetze schmiedete oder die Fäden des Welthandels zog trug sein Kinn im Schutze Imperiala Gravitas.
00:10:33: Es war das goldene Zeitalter der Gesichtsarchitektur.
00:10:37: Man trug nicht einfach einen Bart, man inszenierte ihn mit äußerster Disziplin.
00:10:43: Da gab es die gewaltigen Backenbärte – jene ausladenden Kotletten, die man treffend Matten-Chops taufte weil sie in ihrer Form an Hammelkottlets erinnerten und das Antlitz wie zwei wuchtige Vorhänge einrahmten!
00:10:57: Andere wählten die weit abstehenden Dundry-Rewisker, die bei jeder leisen Brise im Heitpark flatterten.
00:11:04: Oder gleich die ehrfurchtgebietende wallende Pracht biblischer Patriarchen wie man sie an Charles Dickens oder führenden Staatsmännern der Epoche bewundern durfte.
00:11:15: Wer etwas auf sich hielt ließ das Haar nicht bloß wild wuchern sondern unterwarf es strenger Pflege und penibler Symmetrie.
00:11:23: Eine ganze Industrie-Schoss aus dem Boden, um diese männliche Eitelkeit zu bedienen.
00:11:28: Es gab spezielle Pomaden mit Lavendelduft, ungarische Bartwichse, um den Schnurrbart in messerscharfe Spitzen zu zwirbeln, winzige Bürsten und sogar lederne Bartbinden die sich der fürsorgliche Gatte zur Nacht umschnallte damit das kunstvoll modellierte Gebilde im Schlummer nicht zerdrückt wurde.
00:11:48: Und werfen Sie nun bitte einen Blick auf das feine Porzellan vor uns.
00:11:53: In jenen Dekaden hätte ein Herr von Rang eine gewöhnliche Tee-Tasse kaum ohne Furcht an die Lippen gesetzt.
00:12:00: Schließlich drohte der heiße Dampf des Tees, dass teure Wachs im Schnurrbar zu schmelzen, woraufhin Fett und Pomade unweigerlich in das geschätzte Heißgetränk getropft wären!
00:12:11: Die britische Ingenieurskunst schuf Prompt Abhilfe in Gestalt der Schnurbartasse.
00:12:17: Ein kleiner keramischer Steg im Inneren schützte das Kunstwerk vor dem Eintauchen und rettete so manche Würde am Salortisch.
00:12:32: Nehmen Sie ruhig noch einen letzten Schluck, meine Lieben!
00:12:35: Und lauschen sie den unvermeidlichen Drama, dass jedes menschliche Denkmal ereilt, sobald die Götter der Wissenschaft ihre Meinung ändern.
00:12:44: Denn so prachtvoll die Ära der viktorianischen Gesichtsarchitektur auch schien – ihr Fundament war auf Treibsand gebaut.
00:12:51: Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts betrat eine neue Zunft die Bühne, bewaffnet mit Mikroskopen und einem unbarmherzigen Blick für das Unsichtbare.
00:13:01: Die Bakteriologen Forscher wie Robert Koch und Louis Pasteur bewiesen der staunenden Welt dass Krankheiten keineswegs durch geheimnisvolle Myasmen entstanden sondern durch winzige unerbittliche Mikroorganismen.
00:13:15: Mit einem Mal erschien jener glorreiche Luftfilter, den man den Herren Jahrzehntelang als göttliche Gabe angepriesen hatte in einem denkbar unappetitlichen Licht.
00:13:28: Eifrige Mediziner machten sich daran die Bärte zeitgenössische Herren mikroskopisch zu untersuchen und die Befunde lasen sich wie ein Grußekabinett!
00:13:37: Der stolze Vollbad entpuppte sich keineswegs als Schutzschild gegen das Übel der Stadt, sondern als ein wandelnder Nährboden für Tuberkel-Berzillen, Difteriekeime und abgestandene Speisereste.
00:13:51: Es dauerte nicht lange da wetterten dieselben Zeitschriften die den Bart einst geheiligt hatten gegen die haarigen Barzillenfänger im Gesicht des Mannes.
00:14:00: Ein glattes, desinfizierbares Antlitz wurde zum neuen Gebot der modernen Hygiene erklärt.
00:14:06: Als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schließlich auch noch die ersten handlichen Sicherheitsrasierer mit austauschbaren Klingen auf den Markt drängten und die morgendliche Rasur zu einer schnellen, schmerzlosen Angelegenheit machten, fiel die Bartpracht wie reifes Korn vor der Sense.
00:14:23: Spätestens die militärische Notwendigkeit dicht sitzender Gasmasken im Ersten Weltkrieg besiegelte das Schicksal der letzten Reste vollends.
00:14:32: Innerhalb weniger Jahrzehnte war die stolze Gesichtsbehaarung von einem Monument imperialer Würde zu einem Symbol unhygienischer Rückständigkeit herabgesunken.
00:14:42: Nur um ein gutes Jahrhundert später in unseren glänzenden Barbershops als modische Ausdruck rauer Authentizität wieder aufzuestehen!
00:14:51: Man sieht daran wieder einmal ganz vorzüglich, wie wir Menschen dazu neigen den flüchtigsten Launen unseres Zeitgeistes.
00:14:59: Den erhabenen Anstrich ewiger Vernunft zu verleihen.
00:15:03: was heute als Gipfel der Männlichkeit oder Gesundheit gilt ist morgen schon wieder ein belächelter Anakronismus.
00:15:10: Wenn Sie also das nächste Mal an einem dieser modernen Sanans vorbeigehen oder sich im Spiegel betrachten, meine Lieben – sagen sie mir!
00:15:19: Wie viel von dem was wir heute voller Inbrunst als Ausdruck unserer ureigenen Persönlichkeit vor uns hertragen ist am Ende wirklich unsere eigene Wahl und wieviel bloß der geschickt verpackte Zauber einer Epoche die uns einreden will, wie ein vollkommener Mensch auszusehen hat.
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